Datenstandards

Datenstandards gelten als trockenes Thema. Relevant werden sie spätestens dann, wenn sich zeigt: Die eigenen Daten funktionieren im eigenen System, aber lassen sich kaum mit anderen Systemen oder Organisationen teilen. Was dann folgt, ist meist aufwändig: manuelle Umbauten, Fehler und Abhängigkeiten.

Was ist ein Standard – und was nicht?

Viele denken bei Datenformaten an Dateitypen wie Excel, PDF oder Word. Formate beschreiben, wie Daten gespeichert oder dargestellt werden, also ihre äussere Form.

Ein Datenstandard regelt etwas anderes: Er legt fest, was die Daten bedeuten und wie sie aufgebaut sind. Zwei Organisationen können dasselbe Format verwenden und trotzdem aneinander vorbeireden, weil sie “Adresse” oder “Datum” unterschiedlich definieren. Das Format ist die Hülle, der Standard bestimmt, was drin ist.

Ein einfaches Beispiel: Eine Excel-Datei mit einer Spalte “Datum” ist ein Format. Aber ob der 01.03.26 der 1. März oder der 3. Januar bedeutet – das regelt erst ein Standard.

Drei Arten von Datenstandards

1– Technische Standards regeln, wie Daten strukturiert und übertragen werden. Dazu gehören etwa Formate wie CSV, JSON oder XML sowie Protokolle und Schnittstellenstandards.

2 – Semantische Standards regeln die Bedeutung: Was meinen wir, wenn wir “Adresse” oder “Diagnose” schreiben? Ein semantischer Standard stellt sicher, dass alle dasselbe darunter verstehen – unabhängig davon, welches System die Daten verarbeitet.

3 – Governance-Standards regeln die Spielregeln: Wer darf auf Daten zugreifen? Unter welchen Bedingungen dürfen sie weitergegeben werden? Wie lange werden sie aufbewahrt?

In der Praxis greifen alle drei Ebenen ineinander.

Was Standards leisten – ein konkretes Beispiel

Eine Gemeinde erfasst Einwohnerdaten: Name, Adresse, Geburtsdatum. Der Kanton braucht dieselben Daten für die Steuererhebung. Die Krankenkasse braucht sie für die Prämienerhebung, das Bundesamt für die Statistik.

Ohne Standards verwendet jede Organisation ihre eigenen Begriffe. Das bedeutet: Bevor Daten weitergegeben werden können, müssen sie jedes Mal manuell umgebaut werden. Fehler schleichen sich ein und Aufwand entsteht – und zwar immer wieder, immer an denselben Stellen.

Mit Standards: Die Daten werden einmal korrekt erfasst und können von allen Beteiligten direkt verwendet werden. Kein manueller Umbau, keine Übertragungsfehler und kein doppelter Aufwand.

Datenstandards sind also Infrastruktur: Im Alltag wenig sichtbar, aber die Basis für einen reibungslosen Datenaustausch.

Der Vorteil von Standards: automatische Überprüfung

Ein oft übersehener Vorteil: Wenn Daten nach einem Standard aufgebaut sind, lässt sich maschinell prüfen, ob die Regeln eingehalten wurden: Fehlt ein Pflichtfeld? Stimmt das Format nicht? Wurde ein unbekannter Begriff verwendet?

Der Effekt ist simpel: weniger Fehler und eine solide Grundlage für weitergehende Anwendungen wie Suchen, Analysen – und Datenaustausch.

Standards und digitale Souveränität

Datenstandards sind nicht nur ein technisches Mittel für effizientere Prozesse. Sie sind auch eine Voraussetzung dafür, dass Daten als gesellschaftliche Ressource genutzt werden können – und nicht nur als Vermögenswert einzelner Unternehmen. Wer Daten als Gemeingut versteht, braucht Standards, die Zugang ermöglichen, Transparenz schaffen und Machtkonzentrationen entgegenwirken. Offene, gemeinsam entwickelte Standards sind dafür eine strukturelle Grundlage.

Datenstandards sind ein zentraler Hebel. Sie können Kontrolle stärken oder schwächen, je nachdem, wie sie entstehen.

Standards stärken die Souveränität, wenn sie:

  • offen und für alle zugänglich sind (“offene Standards”)

  • von vielen Akteur:innen gemeinsam entwickelt werden – und nicht von einem einzelnen Unternehmen

  • den Wechsel zwischen verschiedenen Anbietern ermöglichen (“Interoperabilität”)

Standards schwächen die Souveränität, wenn sie:

  • proprietär sind, also im alleinigen Besitz eines Unternehmens liegen

  • einen Lock-in erzeugen: Wer Daten in einem proprietären Format speichert, kommt nur schwer wieder heraus – und ist damit abhängig von einem Anbieter

  • intransparent entwickelt werden, ohne Mitsprache der Betroffenen

Das zeigt sich auch im Beispiel der Gemeinde: Wer Verwaltungsdaten in einem proprietären Format eines einzigen Softwareanbieters speichert, kann den Anbieter kaum wechseln. Die Daten sind de facto eingesperrt. Offene Standards verhindern genau das.

Wer legt Standards fest?

Standards entstehen auf verschiedenen Wegen:

  • Normierungsgremien wie ISO (international), CEN (europäisch) oder SNV (Schweiz) entwickeln formale Standards

  • Regulierung schreibt bestimmte Standards vor – etwa der Data Act der EU oder die europäische Datenstrategie

  • Markt und Praxis: Manchmal setzt sich ein Standard einfach durch, weil ihn alle verwenden. Entscheidend ist dann, ob er offen zugänglich bleibt und ob andere ihn mitgestalten können. Oder ob er faktisch im Besitz eines einzelnen Unternehmens bleibt. Ein Beispiel ist das PDF-Format: Es entstand ursprünglich proprietär bei Adobe und wurde später zu einem ISO-Standard.

  • Gemeinschaftliche Entwicklung: Open-Source-Communities und Branchenverbände entwickeln Standards gemeinsam und stellen sie zur Verfügung. In der Schweiz geschieht das etwa über den Verein eCH, der E-Government-Standards erarbeitet – zum Beispiel für den Austausch von Einwohnerdaten zwischen Gemeinden und Kantonen oder für die Standardisierung von Parlamentsdaten.

Für die Schweiz ist relevant, dass viele wichtige Datenstandards international entstehen – etwa auf europäischer Ebene oder in globalen Normierungsgremien. Die Frage, welche Standards übernommen werden und wie die Schweiz daran mitwirkt, ist daher nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich und politisch relevant.

Autorin: Dr. Christina Lauer

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Sekundärnutzung von Daten