Perspektiven für die Entwicklung und Nutzung künstlicher Intelligenz
Podiumsdiskussion zur Enzyklika «Magnifica humanitas» von Papst Leo XIV. an der ETH Zürich
Am 17. August führte die Swiss Data Alliance in Kooperation mit Wikimedia CH und den Schweizer Jesuiten ein Podium mit Fachpersonen aus Technik, Ethik und Kirche. Rund 250 Interessierte besuchten den Anlass im Hörsaal Audimax der ETH Zürich. Die Veranstaltung stellt einen ersten Schritt dar im Dialog über die zukünftige Ausrichtung künstlicher Intelligenz, betonten die Veranstalter. Dabei sei es wichtig, auch Technologieanbieter zu involvieren.
In seiner Enzyklika «Magnifica Humanitas» ruft Papst Leo XIV. dazu auf, künstliche Intelligenz zu «entwaffnen» – «nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen zu beherrscht». Das Schreiben ist der katholischen Soziallehre zuzuordnen, die als «Kompass» dazu beitragen möchte, aktuelle gesellschaftliche Fragen einzuordnen, wie der Bischof von Basel Felix Gmür erklärte. «KI betrifft Kernbereiche menschlicher Existenz – Vernunft, Sprache, Arbeit. Es geht darum, den Menschen vor der technologischen Verkürzung zu schützen.»
Technologie ist immer interessengeleitet, wobei das nicht zwingend negativ sein muss. Abraham Bernstein, Professor für Informatik an der Universität Zürich, verwies auf Conway’s Law, wonach Software die internen Strukturen des Entwicklungsteams widerspiegelt. Im Sinne der Enzyklika, die zum Dialog auffordert, appellierte Bernstein: «Bitte überlassen Sie die Zukunft von KI nicht uns Informatikerinnen und Informatikern!» Man müsse diese gesellschaftlich diskutieren. Wenn der Computer wie ein Fahrrad für den Verstand sei, müsse man künstliche Intelligenz als E-Bike sehen – und sich überlegen, ob man für die persönliche «Gehirn-Fitness» besser noch ins Studio gehen sollte.
Jennifer Ebermann, Geschäftsführerin von Wikimedia CH, betonte den zentralen Stellenwert von offenen Wissensquellen wie Wikipedia für das Training von KI-Systemen. Es brauche nun eine «faire Gegenseitigkeit» zwischen KI und solchen digitalen Gemeingütern. Dazu gehörten neue Normen und Spielregeln sowie eine digitale Infrastruktur, die kollektives Wissen stärkt und fördert. «Das Risiko ist die unsichtbare Kaperung der menschlichen Prozesse, die zur Entstehung von Wissen beitragen», erklärte Ebermann.
Moderator André Golliez, Präsident der Swiss Data Alliance, betonte, wie wichtig der Miteinbezug von «Big Tech» beim Dialog über eine zukünftige Ausrichtung künstlicher Intelligenz sei. Dem pflichtete Anton Aschwanden von Google bei: «Weder die Wirtschaft, noch die Kirche oder die Zivilgesellschaft schaffen das alleine.» Es sei ein «globaler Multistakeholder-Ansatz» nötig, der auch beim internationalen KI-Gipfel in Genf 2027 im Zentrum stehen soll. Bei allen Herausforderungen trügen KI-Systeme aber zum Gemeinwohl bei, etwa durch Frühwarnsystemen für Naturkatastrophen oder bei der Lösung komplexer Forschungsfragen.
Aus philosophischer Sicht sei zu hinterfragen, ob das in der Enzyklika verwendete Bild des Zeitgeschehens als «Baustelle» zutreffend ist, meinte Nadia Mazouz, Professorin für Praktische Philosophie an der ETH Zürich. Sie sehe eher eine Wechselwirkung zwischen Technologie und Mensch. Zudem müsse man fragen, ob das normative christlich-humanistische Menschenbild der päpstlichen Enzyklika für einen breit angelegten Dialog ausreichend sei. Die Ethik-Dozentin Alexandra Kaiser-Duliba von der Universität Luzern ergänzte, dass wichtige Entscheidungen nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Effizienz getroffen werden dürften. Dem setze die christliche Sozialethik die unantastbare, ontologische Würde des Menschen entgegen.